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DAS LAND DER EXTREME - BOLIVIEN 2018 - Teil 3: Rostige Lokomotiven und die Flamingo-Invasion

Andrea | 20.07.2019 | | Bolivia

Am Vulkan Llicancabur vorbei sind wir plötzlich ganz im Süden von Bolivien nur noch vier km (oder noch weniger) von der chilenischen Grenze entfernt. Wir treffen zwei Viscachas (eine Chincilla-Art) auf einem Felsen sitzend und auf Fressen von Touristen wartend. Sie lassen sich aber nicht gerne fotografieren. Mitten in diesen Landschaften taucht ein Feld ungewöhnlich geformter Einzelfelsen auf. Unser Fahrer steuert den Landcruiser mal wieder querfeldein über weiträumige Steppen. Hunderte von Reifenspuren begleiten uns. Wir können uns eine davon aussuchen, die noch nicht so ausgefahren zu sein scheint. Plötzlich sehen wir ihn, den Stone Tree. Er sieht wirklich so aus und - was ein Segen - es finden sich keine Busse voller asiatischer Touristen drum herum. Zum Abschluss dieses traumhaften Tages übernachten wir in einem der höchstgelegenen Hotels der Welt auf 4.540 m, dem Hotel del Desierto (Wüstenhotel). Es ist sehr gemütlich dort. Aus dem Restaurant hat man abends einen fantastischen Rundumblick aus riesigen Panoramafenstern.

 

Morgens holt uns Christian wieder früh aus den Betten und wir durchqueren mit unserem Landcruiser als Teil der West-Kordillere die Siloli-Wüste, um einige Zeit später eine supereinsame Lagune mit Namen Ramaditas zu finden. Fantastische Wasserspiegelungen überall. Andrea lässt die Drohne aufsteigen. Nach zwei erholsamen und entspannenden Stunden dort fahren wir zur nächsten traumhaften Lagune. Sie heißt Hedionda und präsentiert nochmals wunderschöne Flamingos. Wir lernen, dass es in Bolivien drei Arten von solchen Vögeln gibt, die James, Andino und Chilensis genannt werden. Wir nennen Sie ab jetzt artenübergreifend nur noch Bol-Mingos. Weiter im Tagesprogramm: Besuch der verlassenen Schwefelmine Corina zwischen zwei über 5.000 m hohen Vulkanen inklusive eines uralten abgestellten, verrosteten roten LKW mit dem Kosenamen El Zorro. Anschließende Fahrt durch das Valle de Rocas mit abartigen Felsformationen, die sich über 50 km erstrecken, nach Uyuni. Pünktlich zum Sonnenuntergang sind wir dann am Eisenbahnfriedhof in Uyuni. Man muss die alten verrosteten Lokomotiven und Waggons einfach gesehen haben. Der Bahnhof war der zentrale Schnittpunkt zweier Eisenbahnlinien quer durch Bolivien - von Westen nach Osten und von Norden nach Süden.

 

Am darauffolgenden Tag betreten wir das erste Mal in unserem Leben den Salar de Uyuni, die größte Salzpfanne der Welt. An ihrer Stelle befand sich früher ein prähistorischer See, der austrocknete und eine wüstenartige, über 12.000 qkm große Landschaft zurückließ, die von schneeweißem Salz, Felsformationen und kakteenbewachsenen Inseln geprägt ist. Diese unwirtliche Mondlandschaft ist unglaublich! Weiß ohne Ende, es blendet. Ohne Sonnenbrille läuft hier gar nichts. Die Salzkruste hat ein paar cm bis 100 m Dicke und regeneriert sich selbst. Sie enthält 6 bis 10 Milliarden Tonnen Mineralien. Der See ist riesig. Jeder kann hier fahren, wie und wohin er will. Es fällt überhaupt nicht auf. Im Frühjahr erzeugt der Regen unglaubliche Spiegelungen durch Wasser. Wenn das Wasser wieder verdunstet ist, sieht man überall auf der schneeweißen Fläche polygonartige Formen. Wie entstehen die nur??


Wir wandern über die Isla Pia Pia mitten auf dem Salar mit ihren Höhlen, fossilen Korallenriffen und Riesenkakteen. Wir sind wieder mal aus der Puste. „Man muss auch mal was auf sich nehmen!“ sagt Christian so ganz nebenbei als wäre das alles nichts ...... Endlich oben angekommen sehen wir nur noch ein einziges weißes (Salz-) Meer, als befänden wir uns über den Wolken. Was für ein Feeling! Zurück auf dem Salz müssen auch wir natürlich noch ein Foto machen, das mit der Perspektive und der Größe dieser Seefläche spielt: Der Colaflascheneffekt. Es stürmt inzwischen gewaltig. Die Drohne fliegt trotzdem für eine kurze Zeit. Das angestrebte Timelapse-Video wird angesichts der Windstärken viel diskutiert, aber dann mit vereinten Kräften doch realisiert. Der Sonnenuntergang entkommt uns nicht. Übernachtungslocation ist das Hotel del Sal. Alles ist hier aus Salzblöcken gebaut, die aus dem Salzsee herausgeschnitten oder -gehauen worden sind.

 

Der Westen


Seit Uyuni ist unser Fahrer der Bruder von Valerio mit Namen Dionicio, seine Frau Sandra ist jetzt unsere Reiseköchin. Er fährt etwas flotter über die Schotterpisten und so haben wir das erste Mal einen Platten 20 m von der unsichtbaren, chilenischen Grenze entfernt. Frisch repariert fahren wir über Llica, den Salar de Coipasa (den zweitgrößten Salar), die Flamingolagunen Saquewa und Macaya und die bunten Chullpares (Turmgräber der Inkas) von Macaya in den Nationalpark Sajama mit Boliviens höchstem gleichnamigen Berg Sajama (6.542 m) ganz im Westen. Überall gibt es hier Berge, die aussehen, als wären sie von Leopardenfell überzogen. Auf dem Weg gibt es plötzlich eine Vollbremsung. Schmuggler haben im Sand Nägelbretter eingegraben. Sie wollen nicht, dass Touristen hier fahren und ihre Wege entdecken.


Am nächsten Morgen fährt unser Landcruiser in ein verwunschenes Tal auf einer Hochebene des Nationalparks. Wir frühstücken neben kleinen blubbernden, heißen Quellen und warmen Miniseen und bekommen superleckeren Api - ein dunkelrotes, warmes Getränk aus schwarzem Mais gewürzt mit Zimt, Zucker, Wasser und Nelke - und Buñuelo - ein extrem schmackhaftes bolivianisches Gebäck ähnlich einem zu dick geratenen Eierpfannkuchen - serviert. Diesen traumhaften Morgen in der Sonne genießen wir auf 4.300 m Höhe. Im Dorf Sajama (dort heißt irgendwie alles gleich) wird ein kleines Fest veranstaltet, wo es viele einheimische Speisen und Getränke gibt. „Du musst was essen, sonst trägt dich der Wind weg!“ sagt eine ältere Bolivianerin in bunten Kleidern neben Matthias zu ihm auf der Bierbank und zeigt auf etwas Undefinierbares. Als ob er jemals gewichtstechnisch wegfliegen könnte ......!

 

Gegen Mittag verlassen wir den Nationalpark und seine wunderschöne Vulkane mit ihren weißen Schnee- und Eisgletscherkappen - endlich auf Asphalt !!! - in Richtung La Paz für zwei Tage. Kaum dort durch eine ewig langes Autogewusel angekommen parkt unser Fahrer auf einer Art Stadtautobahn einfach rechts an der Seite und wir stehen vor einer steil abfallenden Bergkante, wo wir diese unfassbar große Wahnsinnsstadt nun vor uns liegen sehen. Man kann es kaum beschreiben. Tausende von kleinen orangefarbigen und weißen Lichtern machen die in einem riesigen Canyon liegende Stadt zu einem Meer von Sternen. Die Häuser klettern von unten nach oben die Bergwände hoch. Wir stehen mit offenem Mund da! Ein erster Timelapsemovie von ganz oben über die Stadt in der blauen Stunde muss einfach sein. Und zu später Stunde freuen wir uns dann sehr auf unser komfortables 4-Sterne-Hotel.

La Paz. Stadtrundgang über die Calle Jaén, die Plaza Murillo, die Plaza San Francisco und den Prado. Die eben genannte Plaza heißt auch "Kilometer 0 von Bolivien", was wohl so etwas wie das Herz Boliviens bedeutet. Natürlich mit einem hässlich-protzigen Präsidentenpalast direkt im Hintergrund sowie einem Kongressgebäude plus Tausende von Tauben. Das muss man echt wollen .... Am Nachmittag dann freischwebende Fahrten in hochmodernen Seilbahnen über die Dächer der Einmillionenstadt (zusammen mit El Alto, das unmittelbar angrenzt, sogar mehr als zwei Millionen Einwohner) mit Blick bis hin zur schneebedeckten Königskordillere. Die bunt gekennzeichneten Seilbahnlinien überwinden beinahe 1.000 m Höhenunterschied und wurden gebaut vom österreichischem Weltmarktführer mit Namen Doppelmayr. Nach einem Cappucchino noch ein Blick auf das Gefängnis San Pedro. Kaum zu glauben, aber das ist ein ganzes Stadtviertel, das fast 3.000 Insassen - teilweise sogar zusammen mit deren Familien und Kindern - beherbergt. Abends ein Live-Konzert und Tänze (Cueca, Morenada) am Plaza San Francisco. Es fängt um 22.30 Uhr an zu regnen.

 

Wir haben mal wieder einen neuen (aber altbewährten) Fahrer mit Namen Domingo (was übersetzt auch Sonntag bedeutet) und fahren mit einem fast neuen, bequemen Minibus über El Alto nördlich an das Ufer des Titicacasees in das kleine, beschauliche Santiago de Okola auf 3.820 m Höhe. Die letzten 20 km des Weges nennen wir ab sofort Straße der Hunde. Dort liegen am Straßenrand ungefähr alle 100 m rechts und links die Straßenhunde. Christian erzählt uns, dass sie auf (Fr)Essenfähiges warten, was die Touristen und Einheimische regelmäßig an diesen Stellen aus dem Auto- bzw. Busfenster werfen. Wir erreichen den am Strand liegenden schlafenden Drachen (Dragón Dormido), eine interessante Felsformation, die genauso aussieht. Der Titicaca ist 8.400 qkm groß ist, etwa 15 mal größer als der Bodensee.  Wir dürfen heute - mit Schlafsack und Katzenwäsche - im Dorf bei einer bolivianischen Familie mit Vorgarten voller Grenadilla- und Tumbofrüchte/-blüten übernachten. Unsere Gastgeber sind Don Vicente und Doña Juliana, die alles daran setzen, dass es uns gut geht. Es wird Essen ohne Ende serviert mit etwas trockenen Quinoa (wie in ganz Bolivien übrigens) und unterschiedlichen Kartoffelarten plus einem Minifisch namens Ispi. Don Vicente hat fast schwarze, gegerbte Haut, ist maximal 1,65 m groß, liebt Kartoffeln über alles und ist wohl früher Fußballer durch und durch gewesen.

 

Das geplante Fischen auf dem See fällt gleich zweimal hintereinander aus, dafür geben wir zusammen mit Don Vicente ein internationales Fußballspiel zwischen Bolivien und Deutschland, das schließlich leistungsgerecht 1:1 ausgeht. Mehr als zweimal 15 Minuten war aber nicht drin auf dieser Höhe ..... Später laufen wir über die Felder am See und beobachten die harte, landwirtschaftliche Arbeit der Bauern und Menschen hier: In tiefe Erdfurchen werden von Hand kleine Kartoffeln schön in Reih´und Glied hineingeworfen zum Anpflanzen neuer Erdäpfel, gepflügt wird per Hand mit zwei Ochsen davor, Traktoren meist Fehlanzeige. Eine sehr alte Frau zeigt uns, wie man draußen mit der Hand eine Art Teppichtuch webt. Trotz ihrer mehrfachen spanischen Erklärungen an Christian verstehen wir bis zum Schluss nicht, wie es wirklich funktioniert. Am Abend sitzen wir gemütlich um ein Lagerfeuer bei unseren freundlichen Gastgebern herum und hören von Don Vicente und seinem Sohn noch ein wenig bolivianische Musik.

 


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