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VON HAARIGEN PELZTIEREN UND GOLDENEN LOONIES - DIE WESTKANADA-REVIVALTOUR 2019 - Teil 3

Andrea | 06.09.2019 | | Canada

 

TEIL 3

 

The Great Bear Rainforest. Der Grosse Bären-Regenwald. 9 Tage und 8 Nächte lang. Es gibt wirklich viel zu erzählen von und über diese/r Schiffsreise. Nicht so einfach, sich dabei einigermaßen kurz zu fassen. Und eines noch gleich zu Anfang: Wir haben versprochen, nicht zu verraten, in welchen Buchten und Inlets wir genau waren, um die Pflanzen- und vor allem die Tierwelt dort ein wenig zu schützen vor dem Unbillen massentouristischer Initiativen. Also verwenden wir stattdessen keine Namen. Mit der Bitte um Verständnis.

 

Nachdem wir das 18 Insassen fassende Flugzeug der Pacific Coastal Airlines von Vancouver über Port Hardy auf Vancouver Island kommend in Bella Bella auf Campbell Island verlassen hatten, werden wir mit einem klapprigen, weißen Van in 10 min. und für 20 CAD zum örtlichen Pier gebracht, um von dort das (kostenlose) Wassertaxi nach Shearwater zu erreichen - zu einer Mini-Bucht mit ein paar Gebäuden, Geschäften, einer Fabrik und einem ältlichen "Hotel" auf einer der 1.000 mega-kleinen Inseln irgendwo an der Pazifikküste des nordwestlichen Kanadas.


Unsere Tour wird am Dock in Shearwater beginnen. Wir sehen zum 1. Mal die auf Hochglanz gebrachte "Great Bear II" am Kai liegen. Viel größer als jemals angenommen. Ein 17 m langer "Hatteras Long Range Cruiser", eine weltweit bekannte Motoryacht im "Trawler-Stil", die entworfen wurde, um jeden Ozean zu überqueren. Unsere Crew steht auch schon da: Es sind Eric (der Captain), Cindy (die Chefköchin) und Marjan (die gute dritte Hilfe). Der Mund bleibt ein wenig offen stehen, als wir erfahren, dass wir ganz alleine mit den Dreien die Tour machen werden. Leider musste ein Ehepaar sehr kurzfristig absagen. An Bord gibt es sogar einen Bio-Kräutergarten und essbare Blumen. Ein eigenes Bad mit Dusche, zwei Schlauchboote, eine Meerwasseraufbereitungsanlage. Also: Welch ein Luxus steht uns da bevor!!


Bevor es richtig losgeht, treffen wir noch Harry und Sally, ein ortsgetreues Weißkopfadlerpaar am Hafen, welches Andrea natürlich sofort in professioneller Art und Weise ablichtet. Frische Calamari und Caesars Salad mit Lachs und Rotwein runden den Abend dann ab. Am nächsten, etwas verregneten Tag fahren wir durch den Queen Charlotte Sound nach Norden, um herauszufinden, warum diese Region als "The Great Bear Rainforest" bekannt ist: In die abgelegensten und spektakulärsten Gegenden von B.C. Zu atemberaubenden Landschaften, einer beeindruckenden Tierwelt, zu den Fjorden und Gezeitenkanälen mit knallgrünem, hohem Gras und Wildblumen bewachsenen Flussmündungen. Die Berggipfel der Coastal Range sind zu dieser Zeit immer noch mit Schnee bedeckt und bilden einen schönen Kontrast zum azurblauen Himmel. Polierte Granitwände ragen Tausende von Metern aus dem Meer heraus und sind zu dieser Jahreszeit mit rauschenden Wasserfällen übersät, die scheinbar vom Himmel fallen.


Wir wollen große Grizzlys erleben, die gerade aus dem Winterschlaf erwacht sind und in diese Inlets kommen, um sich an eiweißreichem Sedge-Gras und Lachsbeeren zu erfreuen. Und wir werden hoffentlich Buckelwale, Orcas, Seelöwen, Seeotter und andere Meeressäuger beobachten. Und immer brav die Küstenlinien nach schwarzen oder braunen Bären, Rehen, Hirschen und Wölfen absuchen.


Unsere Crew sagt uns, weil die Trophäenjagd auf diese fühlenden Bären-Wesen in jenen Buchten endlich beendet ist, wird deren Anblick unser Herz berühren. Wir würden bald sehen, warum Geschichten, die wir über die Grausamkeit von Grizzlies gehört haben, einfach nur Geschichten sind, die weit von der Realität entfernt sind. Obwohl diese Bären eindeutig wilde Tiere sind und mit Respekt behandelt werden müssen, unterscheiden sie sich weit von den Monstern, die Jäger uns glauben machen wollten.


Eric ist Bärenfinder, staatlich geprüfter Bärenführer und ein Naturschützer mit einem sehr großen Herz für die Tiere und die Natur hier. Durch seine um- und vorsichtige Art, mit diesem Schiff umzugehen, ermöglicht es uns, die natürlichen Verhaltensweisen der Tierwelt zu genießen, ohne dabei das Land und die Tiere, die wir sehen, nachhaltig zu stören oder zu beeinträchtigen. Während einige Kreuzfahrtschiffe eine sehr festgelegte Reiseroute haben, bevorzugt er es, anpassungsfähiger zu sein. Wenn die Natur den besten Weg kreuzt, so sagt uns Eric, wollen wir anhalten können, so lange wir wollen, und diese lebensverändernden Momente genießen können. Und genauso passiert es dann auch in den nächsten Tagen.


Der erste Seeotter ist gesichtet. Er sieht lustig aus, da man nur einen kleinen silbernen Kopf sieht mit zwei großen Augen. Wir fotografieren bunte Seesterne am Ufer und Seeanemonen. Ein schicker Oktopus ist leider zu schnell für Andrea´s Kamera. Trotz schlechten Wetters besuchen wir auf einer Insel den Ort Klemtu und das Big House der First Nations. Vern, der Chief of the Village, erzählt uns eine lange, spannende "Story" von diesem großen hölzernen Haus, vier Männern in Kanus und Equinox, einem Unterwasser-Häuptling und Super-Hero. Auch am 3. Tag schüttet es aus Eimern, aber der Wetterbericht gelobt Besserung ab morgen Mittag. Wir warten auf die Sonne. Frische Erdbeeren, Pancakes und Schlagsahne zum Frühstück helfen uns über das Warten hinweg.

 

 

Das Wetter wird tatsächlich besser, wir sehen etwas Sonne. Wir ankern am Ende eines Inlets und beobachten am "grünen Strand" die ersten drei Grizzlys, die dort in aller Ruhe riesige Mengen Muscheln fressen. Später nehmen eine Bärenmutter mit ihren drei "Cubs" vor einem männlichen Exemplar Reißaus. Überall gibt es wahnsinnig schöne, rauschende Wasserfälle und traumhafte Wasserreflexionen der Landschaften und des Himmels in allen Farben.


Heute erreichen wir der Crew liebstes Inlet. Als wir die letzte Ecke dieser langen Bucht umrunden, wissen wir sofort, dass dies ein Zuhause sein sollte, von dem Grizzly-Bären träumen. Und wir haben wir hier dann die wunderbarste Erfahrung mit solchen Lebewesen gemacht. Mit einer Grizzly-Mutter und ihren drei Jungen. Sie fressen seit drei Stunden schon das hohe grüne Gras am Ufer und wir sitzen trotz aufkommender Ebbe regungslos und still davor in unserem Schlauchboot. Offensichtlich überkommt sie der Durst und sie trinken etwas vom Süßwasser der Bucht. Vor unserer Nase marschiert Mutter Bär anschließend auf die sich inzwischen gebildete Sandbank und hinter ihr her im Gänsemarsch ihre Jungen. Plötzlich bleibt sie stehen und die drei Cubs umringen sie als wollten sie gemeinsam etwas besprechen. Und da geschieht es: Die riesige Mutter lässt sich auf ihren Rücken fallen und beginnt die drei Bärenjungen zu säugen. Liebevoll umfasst sie sie mit ihren Bärenpranken. Die kleinen Bärenschnauzen sind ganz weiß von der Milch. Was für ein Anblick! Uns Fünfen rollen die Tränen im Gesicht herunter. Wir sind total gerührt und können es kaum fassen. Danke dem Himmel, das wir das einmal sehen und erleben dürfen. Andrea macht die Fotos ihres Lebens!


Eine andere Bucht mit einer sehr großen und weitläufigen Mündung, Schneebergen und mit Nebel bedecktem Regenwald bietet uns eine der besten Krabbenarten. Andrea und Eric gehen Krabben fangen. Also ist ein abendliches Krabbenfest an Bord voll in Ordnung, oder?! Die Hälfte der gefangenen Krabbeltiere wird wieder freigelassen da zu klein. Die anderen schmecken extrem lecker. Es ist lustig, in unserem "Drehrestaurant" zu speisen, weil sich das Boot in der Flut vor Anker oder während des Tages im Halb- oder Dreiviertelkreis dreht.

 

Während des letzten Teils der Schiffstour reisen wir durch ein Gebiet, von dem bekannt ist, dass es ein wichtiger Lebensraum für Humpbacks ist. Um diese Jahreszeit ernähren sich diese Buckelwale nach ihrer langen Rückwanderung aus Hawaii von Hering und Krill. Und dann sehen wir endlich die ersten Buckelwale, die bis zu 18 km/h schnell schwimmen können. Andrea erwischt sie in dem Moment, wo sie abtauchen und ihre wunderbare Schwanzflosse zeigen. Ein Traum, dass wir dies hier in grösster Ruhe und Einsamkeit erleben dürfen. Später identifizieren Cindy und Eric diesen Wal tatsächlich anhand eines dicken Buches mit Hunderten von Schwanzflossenfotos dieser Region. Er heißt "Teeth". Schaut Euch die beiden Bilder nebeneinander an und vergleicht selbst! Wen wir wohl leider nicht sehen dürfen auf dieser Reise, sind die tollen schwarzweißen Orcas und ihre wahnwitzigen Sprünge aus dem Wasser. Sie wollen einfach nicht erscheinen. Ok, dann eben das nächste Mal. Aber als Ersatz für sie immerhin kleine Dall's Porpoises und Pacific White Sided Dolphins, die oft auf der Bugwelle unseres Schiffes spielen. Wieder eine Herausforderung für die Fotografin!


Der vorletzte Tag bricht bei totaler Windstille und Sonne an. Alles ist ruhig draußen. Das Wasser ist spiegelglatt. Man kann meilenweit sehen. Eric entdeckt in der Ferne drei Wale und als wir hinfahren, sind sie wie vom Erdboden besser vom Wasser verschwunden. Keine weiteren Wale werden gesichtet. Wir sind ein wenig frustriert. Noch einmal wird Eric getäuscht von den riesigen Meeressäugern. 100 m vor dem Schiff taucht ein großer Wal auf. Unglaublich nahe! Alle laufen aufs Deck, um ihn zu fotografieren. Er verschwindet im Nichts. Wie schade! Der Tag geht zu Ende. Ein letztes Dinner. Es regnet.


Das Thema Tierschutz beschäftigt uns die gesamte Schiffsreise hindurch. Wie rücksichtslos Menschen sein können, erleben wir leider auch hier wieder. Eine wirklich sehr große Motoryacht (im Wert von 15 Mill. Euro) mit Namen "815 - Sherpa" ankert in derselben Romantikbucht wie wir. Deren Passagiere haben tatsächlich nichts Besseres zu tun, als mit ihren Zodiaks durch die kleinen Flussläufe zu rasen, um sich an den vor Angst ins Wasser springenden Bärenmüttern und weglaufenden Bärenkinder zu erfreuen. Was sind das nur für Idioten! Eric ist total erbost und fährt mehrfach zum Schutz der Tiere im eigenen Schlauchboot hinterher, um sie zur Rede zu stellen. Cindy informiert indes die B.C. Park Rangers und die sog. "Watchmen", die dann leider nicht vor Ort kommen. Die Watchmen passen im Great Bear Rainforest an vielen Stellen darauf auf, dass die Besucher, Touristen, Fotografen und Fischer nicht gegen die Schutzregeln verstossen. Die allermeisten Gewässer und Inlets sind First Nations-Gebiet. Leider haben sie keine Möglichkeit, Strafen zu verhängen, sondern nur Verwarnungen. Leider sind sie nur "zahnlose Tiger"! Eine Unterhaltung per Bordfunk lehnt der Kapitän der 815 Sherpa einfach ab. Abends machen sie dann in der ansonsten undurchdringlichen Stille der Bucht auch noch außen an Bord "Big Party". Es ist echt unfassbar! Geld scheint alles zu gestatten auf diesem Planeten! Und dann wundern wir uns, wenn beim nächsten Besuch hier die Einfahrt in das Inlet für immer gesperrt ist.


Die echt einmalige Schiffsreise endet schließlich in Prince Rupert. Wir gehen dankbar und sehr glücklich. Wir gehen, noch ganz benommen, schwankenden Schrittes von Bord.


Am nächsten Tag zurück mit dem Flieger nach Vancouver und von dort weiter nach Frankfurt und Friedrichshafen in Deutschland. Unsere Westkanada-Revivaltour 2019 ist zu Ende.


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