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WENN DIE GONDELN MASKEN TRAGEN - Venedig 2020

Andrea | 27.12.2020 | | Italy

Eine ganz besondere Zeit für einen Besuch dieser so berühmten alten Stadt an der Lagune. Wie war es bisher wohl vor dieser Zeit? Zehntausende von Touristen pro Tag, menschenüberfüllte Plätze ohne ein Durchkommen, grandios lange Warteschlangen, supergroße Kreuzfahrtschiffe, hohe Preise, dreckiges und oft stinkendes Kanalwasser. Fotografieren war eher Fehlanzeige. Anfang Oktober 2020 war aber alles ganz anders. Es herrscht der grausame Coronavirus auf der Welt! Trotzdem haben wir eine Art Corona-Gering-Zeitfenster in Norditalien und Venetien gut genutzt und sind vom Bodensee aus mit dem Ziel, viel zu fotografieren, losgedüst.

Nach knapp 8 Stunden Autofahrt waren wir endlich da. Uns erwartet ein zugegebenermaßen kostengünstiges, riesiges Parkhaus nach Überfahrt auf einer langen Brücke, das erst einmal bewältigt werden muss. Denn wie passt ein 192 cm breiter Landrover Discovery Sport in eine Parkbox, die nur 220 cm breit ist? Erstens ohne die Nachbarwagen zu beschädigen und zweitens mit der Option, noch aussteigen zu können. Schweissgebadet hat Matthias das nach mehreren Anläufen bei verschiedenen Parklücken dann erfolgreich geschafft. Ohne Blechschaden. Das Parkhausteil ist schon echt eine Granate. Bestes Übungsfeld zum Einparken-Lernen. Mit dem öffentlichen "Wasserbus" (Vaporetto)  geht’s schliesslich von dort durch den Canal Grande zur Station Rialto und noch weitere 10 Minuten mit Gepäck und Fotoequipment-Rucksäcken bewaffnet direkt in unser zentral gelegenes, kleines Hotel mit Namen "Canaletto".

Es wird gleich am Eingang Fieber gemessen. Genauer gesagt, der Hotelier misst bei uns kein (Corona-)Fieber. Wir haben nochmal Glück gehabt. Was wir als Allererstes bemerken und sehen, ist: Alle Menschen hier tragen Gesichtsmasken. Unglaublich! Die von Corona im Frühjahr arg gebeutelten Italiener sind konsequent. Und zwar sehr konsequent. Ohne zu stöhnen wie manch Anderer in unserem Heimatlande. Es ist schon mehr als ungewohnt, bei allen Lebewesen auf zwei Beinen nicht das Gesicht, sondern nur Augen und Haare betrachten (und fotografieren) zu können. Ob Jemand nun lächelt oder ernst schaut, ist definitiv nicht erkennbar. Das macht doch ein Gesicht gerade erst aus. Was nach einem ersten Rundgang auch sofort auffällt, dass das Wasser der Kanäle und des Großen Kanals türkis-grün-durchsichtig schimmert, manchmal ist es sogar glasklar und es schwimmen jede Menge Fische drin herum. Das ist mal eine gute Seite von Corona und dem dadurch stark zurückgegangenen Tourismus vor und in der altehrwürdigen Lagunenstadt.

Andrea erzählt mir von einem ihrer Venedigbesuche in der ferneren Vergangenheit, was ja auch von Bildern, Videos und Reiseblogs immer wieder bestätigt wird und wurde: Die Stadt platzt normalerweise aus den Nähten wegen der Abertausenden von Touristen. Auf dem Markusplatz kein Durchkommen mehr. Sage und Schreibe 15 Millionen Besucher pro Jahr gegenüber 60.000 Einwohnern. Aber bei unserer Stippvisite im Jahre 2020: "Das sind echt Wenige!", bemerkt Andrea. Matthias findet, es sind immer noch genügend Touristen da, muss sich aber geschlagen geben, weil Alle, die wir fragen oder kennen, dasselbe wie Andrea sagen. Es ist eher leer als voll. Sehr angenehm. Man kann nun auch tatsächlich die tollen Gebäude und bemerkenswerte Architektur sehen und fotografieren, ohne dass eine Horde asiatischer Urlauber ständig das Motiv stören. Wir überqueren wunderschöne Plätze und schlendern durch die teilweise superengen, lichtdurchströmten Gassen. Und haben soviel Raum um uns herum.

An einem Spätnachmittag kurz vor der blauen Stunde spricht uns auf dem Markusplatz überraschend ein RTL-Kamerateam an und bittet zum Interview für eine Samstagssendung namens "Life - Menschen, Momente, Geschichten". Thema: "Wohin in den Herbstferien?" Seit Beginn der Pandemie waren Life-Reporter in Schweden und Italien. Zwei Länder, zwei völlig verschiedene Lösungsansätze im Kampf gegen Corona. Nun galten beide wohl als sicheres Reiseland für den Herbst. Wie könnten die Erfahrungen dieser beiden Länder auch in Deutschland helfen. Klar sagen wir Ja dazu. 30 Minuten wurden uns dann vor laufender Kamera Fragen gestellt. Wir taten maskentragend unser Bestes und antworteten brav. Als neue RTL-Fernsehstars erschienen wir dann tatsächlich auf den TV-Bildschirmen am darauffolgenden Samstagfrühabend. Selbst mitbekommen haben wir davon allerdings zunächst gar nichts. Erst als Andrea´s Handy klingelnd und ausdauernd WhatsApps ankündigte, erhielten wir beim abendlichen Dinner in einem Restaurant am Gardasee die Nachricht, dass wir gerade live im Fernsehen zu sehen seien. Man glaubt es kaum, aber diese Sendung haben mehr Leute von uns gesehen als wir je dachten. Auch ein alter Bekannter aus Mallorca rief uns extra deswegen an. Also, jetzt wissen wir Bescheid, wie man in die Flimmerkiste hineinkommt. Und ein wenig Reklame für Spicy Artworks aus Meckenbeuren haben wir dadurch ja auch machen können.


Hier könnt Ihr durch einen einfachen Klick auf den Link den Ausschnitt aus der Sendung selbst sehen und hören. Bitte sich nicht über die schlechte Qualität und den Ton wundern. Der kleine Videoclip wurde mit dem Smartphone erstellt und dieses hat die Sendung vom Fernsehapparat abgefilmt. Aber besser als überhaupt nicht, oder?!

Die Fotografin stellt sich schon vor und während der Hinfahrt nach Venedig berechtigt die zentrale Frage, was und wie fotografieren, wenn es doch etwas Besonderes sein soll? Denn Tausende, Abertausende, wahrscheinlich sogar Millionen von Fotos dieser Gondelstadt gibt es doch schon von ihr. Also was tun, um nicht unverrichteter Dinge (das stimmt natürlich nicht ganz, denn neue Fotomotive findet man ja immer irgendwie) später wieder nach Hause zu fahren? Neben zahlreichen richtig guten Zeitraffervideos und ins Detail blickenden sowie Spezial-Einzelaufnahmen von Gebäudearchitektur, Gondeln und Farben der Stadt wird ungeplant das Superweitwinkel gezückt und ab sofort vielfach verwendet. Ein solches Extrem-Objektiv kann bei engeren oder nahen fotografischen Blickwinkeln zu ganz besonderen Sichten führen: Berühmte Türme, Säulen und Türmchen auf dem Markusplatz scheinen umzukippen, Häuserwände stehen unnatürlich schräg als hätte man links und rechts an ihnen gezogen, die Perspektiven kommen besonders merkwürdig rüber, Linien sind grob verzerrt. Venedigs Welt sieht echt tutto completti anders aus. Ein ziemlicher Hammer! Mal sehen, was daraus alles visuell Spannendes entsteht. Wir wissen es heute noch nicht. Aber die dunkle Winterzeit kommt bald und da hat man genug Zeit und Muße zur Ideensammlung und -umsetzung. Und Kreativität ist bei Andrea immer vorhanden. Sogar jede Menge.

Nun ein wenig zu bzw. über Venedig selbst: Sie ist wirklich ein einziges farbiges Fotomotiv. Der Wahnsinn! Märchenhaft und surreal mutet die Lagunenstadt Venedig an. Auf Millionen von Holzpfählen rund 500 n. Chr. errichtet, vermittelt sie den Eindruck, sie würde auf dem Wasser schweben. Venedig ist reich an Geschichte, Charme, Kunst und Traditionen. Verspielte Kuppeln, Adelspaläste, schwarzglänzende Gondeln und Linienschiffe prägen das Bild der wasserumspülten Stadt. Die Pracht einer verspielten Renaissance-Architektur begegnet dem Besucher hier auf Schritt und Tritt. Aus der Luft gesehen ähnelt ihre Silhouette ein bisschen einem Fisch, der aus 118 kleinen Inseln geformt ist. Mitten durch diesen „Fisch“ fließt der Canal Grande, die längste und schönste Wasserstraße der Stadt. Sie zieht sich wie eine 4 km lange Schlange unter den 400 Brücken Venedigs hindurch. Eine von ihnen führt zum prunkvollen Markusplatz in der Altstadt. Wo früher Gewürze und Luxuswaren per Schiff eintrafen und Venedig unvorstellbar reich machten, kommen heute Reisende aus aller Welt an. Viele Sprachen mischen sich hier in einer bunten Menschenmenge, die zwischen fahrbaren Souvenir- und Maskenständen hin und her flaniert. Und natürlich diejenigen, die sich von einem der 400 strohhutgeschmückten und rotweiß-gestreiften Gondolieres fasziniert durchs Wasser staken lassen. Zum Schluß noch ein paar kurze Worte zu Venedigs uralten Traditionen: Zum Plausch treffen sich meist Männer in kleinen Bars, abseits des Markusplatzes, auf eine „ombra“. So wird der lokale (meist rosa-lachsfarbene) Prosecco hier genannt, der sowohl als Aperitif als auch zum Essen getrunken wird. Dazu gibt es leckere Fisch- und Fleischbällchen, baccal (Stockfisch), Tintenfisch, Polenta und Muscheln.

Plötzlich passiert es: Es gluckert und blubbert. Vom Dachrand des Markusdoms sehen wir mit wachsender Begeisterung, dass es ganz langsam, trotz strahlendem Sonnenschein, nass wird auf dem berühmten Markusplatz. Es regnet aber doch nicht, also woher kommt denn das Wasser? Es kommt von unten. Aus Gullis und den Hunderten von durchlässigen Fugen und Ritzen zwischen den großen Steinfliesen, die diesen Platz schmücken. Unfassbar! Wir können unser Glück nicht fassen. Wo man doch so exzellente Fotos von dem, wenn das Adriawasser langsam den Superplatz überzieht. Alles spiegelt sich, alles ist doppelt und steht auf dem Kopf. Die Menschen fangen an zu fotografieren was die Schwarte hält. Plötzlich sieht man tanzende Fotomodels, schreiende und spielende Kinder, auf kleinen "Inseln" eingeschlossene Touristen, staunende Leute. Einige der in den romantischen Arkaden angesiedelten Geschäfte müssen später das Nass mit Pumpen irgendwie wieder aus ihren Shops herausbringen. Andrea stellt ihr großes Stativ auf, das alsbald ebenfalls vom Wasser umspült ist. Wir bekommen nicht so richtig heraus, wann dieses Phänomen regelmäßig hier auftritt. Es kann aber sehr gut sein, dass der vom Meer blasende starke Wind das Wasser mehr als sonst in die Lagune und somit natürlich auch in Venedig‘s Kanäle drückt - wie eine Art kleine Springflut an der Nordsee. Der Wasserspiegel steigt unter der Stadt und an manchen etwas tiefer liegenden Stellen - wie z.B. am Markusplatz - kommt es dann durch alle Ritzen nach oben. Wie bei uns. Es macht total Spass und wir freuen uns sehr über diese reflektierende "Jahrhundertflut" in der Lagunenstadt.

Venedig kann auch ein großer Irrgarten sein. Matthias ist ansonsten ein Meister der Orientierung - auch ohne Kompass, Navi oder Karte. Aber es gibt jede Menge enger, dunkler Gassen. Fast 400 Brücken über Kanäle sehen irgendwann gleich, zumindest aber ähnlich aus. Die Häuser, Hausformen und -fassaden gleichen oft wie die eine der anderen. Die Sonne, nach deren jeweiligen Stand wir uns hätten richten können, sieht man nicht, da die Gebäude hoch gebaut sind und viel Schatten werfen. Das alles ginge ja noch. Aber: Nicht über jeden kleinen oder grösseren Kanal führt dort, wo man es gerne hätte, eine Fußgängerbrücke. Man muss also diese eher seltenen Übergänge gut merken, wenn man weiterkommen möchte. Wie in einem Labyrinth in Versailles gibt es nur rechtwinklige Abzweigungen und Wege, von denen man nicht weiss, ob sie am Rande eines Kanals enden oder weiterführen. Uns erinnert das sehr an die von uns so geliebten Adventure PC-Spiele, bei denen es solche Irrgärten in Hülle und Fülle gibt. Irgendwie macht es Spass, auch wenn wir uns die Füsse platt laufen. Du kommst aus einem besonders dunklen Gang heraus und stehst plötzlich auf einem sonnenüberfluteten Platz, wo man einen Cappucchino oder frisches italienisches Speiseeis trinken bzw. futtern kann. Das ist echt ein Erlebnis! Die meisten Menschen laufen - den Kopf stets nach unten geneigt - mit Handy und Google Maps herum, um sich zurecht zu finden. Wir tun das notgedrungener Weise oftmals auch. Aber mit der Zeit erkennt Matthias manche Wege und Winkel wieder. Wir sagen einfach mal: Nach zwei Monaten wären wir eine wandelnde Venedig-Wanderkarte!

Am vorletzten Tag unserer Fotoreise fahren wir mit dem " Wasserbus" circa eine Stunde lang zur vorgelagerten Laguneninsel Burano. Bekannt durch die bunten Häuser von Burano. Da müssen wir einfach hin. Autos, Motorräder oder Fahrräder gibt es auf der kleinen Insel nicht. Neben dem für seine Glasbläserkunst berühmten Murano gehört Burano zu den bekanntesten Inseln in der Lagune von Venedig. Das fast kreisrunde Eiland setzt sich aus vier Einzelinseln zusammen, zwischen denen schmale Kanäle verlaufen. Mehrere Brücken führen über die Kanäle hinweg von einer Insel zur anderen. Burano ist nur etwa 21 ha klein bzw. groß, weist aber die höchste Bevölkerungsdichte von allen Inseln in der Lagune auf. Rund 3.000 Menschen leben hier. Heute ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle, in früheren Zeiten lebten die Menschen auf Burano vom Spitzenklöppeln und der Fischerei. Bis heute hat sich der Ort nach unserer Meinung etwa den Charme eines kleinen Fischerdorfes bewahrt, obwohl wir das Gefühl haben, dass es hier gerade mehr Touristen gibt als in ganz Venedig.

Die berühmteste Sehenswürdigkeit der Insel ist nämlich auch ihr schönstes Fotomotiv: Die Häuser der Insel erstrahlen in den unterschiedlichsten Farben. Rot, grün, blau, lila oder grün heben sie sich vom Himmel und den Kanälen ab. Wir schlendern gemütlich durch die Gassen und lassen die sympathischen bunten Häuser auf uns wirken. Der farbige Anstrich erfüllt übrigens mehr als nur einen ästhetischen Zweck. Der Legende nach bemalten die Einheimischen ihre Häuser, damit die Fischer die Insel Burano auch bei schlechter Sicht ansteuern konnten. Das Anmalen der Häuser wurde zur Tradition, die sich bis heute gehalten hat. In der Mitte des kleinen Ortes liegt die Kirche Chiesa di San Martino Burano. Der Kirchturm ist bereits bei der Anfahrt zur Insel Burano zu sehen und fällt vor allem auf, da er sich wie der Schiefe Turm von Pisa mehr als deutlich zur Seite neigt. Was ist wohl der Grund dafür? Wir wissen es nicht, aber der Turm hat eine Höhe von 53 m sowie - vom Boden bis zur Spitze - eine Neigung von 1,85 m. Ursprünglich befand sich auf der Turmspitze ein Engel, dieser stürzte jedoch im Jahre 1867 während eines Sturmes hinab. Mal sehen, wie lange der Turm noch dort steht, fest verwurzelt im Inselboden.

Schnell waren sie vorbei, unsere venezianischen Tage. Schön war´s dort. Auch wenn die Gondeln Masken tragen mussten.


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