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DAS LAND DER EXTREME - BOLIVIEN 2018 - Teil 2: Bolivianischer Grappa

Andrea | 04.12.2018 | | Bolivia

Der Süden


Tarija ist unser nächstes Ziel, das Zentrum des größten bolivianischen Weinanbaugebietes. Als Weinliebhaber besuchen wir hier das ebenfalls größte Weingut des Landes mit Namen Campos de Solana. Und gleich danach vom selben Eigentümer eine Produktionsanlage für den bekannten Singani, einem milden bolivianischen Grappa. Wir lernen Nikolas, den Sohn des Eigentümers und seinen Vater Don Lucho, kennen. Sehr nett, interessiert und freundlich. Und sehr kompetent. In der Hitze fühlen wir uns nach einer kleinen Wein- und Schnapsprobe gleich ein wenig leichter. Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch dort. Den vorzüglichen Wein und den leckeren Singani muss man natürlich auf jeden Fall kaufen.


Wir sind nun in Rosillas angekommen, einem winzigen Dorf kaum 15 km von der argentinischen Grenze entfernt. Dort übernachten wir bei Julia, einer welterfahrenen Bolivianerin, und Vicente, einem Belgier, der bei der gemeinnützigen Organisation Edufi in Tarija arbeitet. Beide haben eine wunderschöne Finca mit Namen Valle de los Condores mit Orangenbäumen, einem Schwein und kleinen runden, liebevoll angelegten Rosen- und Kräutergärten (wieder)aufgebaut. Gespickt mit alten Gebäuden mit hohen Wänden aus Adobe-Lehmziegeln und Mönchs- bzw. Nonnendächern. Salto und Tarzan, zwei schwarze alte Ex-Straßenhunde, bewachen das Ganze mit bolivianischer Gemütlichkeit. Zeit spielt hier keine Rolle. Man vergisst echt Alles vom Rest der Welt. Graue Wolken, ein vermeintlich rutschiger, nicht ganz schlapper Auf- und Abstieg und die nicht ganz geringe Höhe lassen uns trotz eines supernetten Bergführers namens Francisco zum Entschluss kommen, die geplante Wandertour zu den Kondoren hoch oben in den Bergen nicht zu machen. Das war auch gut so, denn Andrea tritt sich am Abend zuvor barfuß einen langen Splitter tief in einen Zeh hinein, der vom örtlichen Doktor für 10 Bolivianos (das sind umgerechnet 1,20 Euro)  wieder entfernt werden muss. Statt Kondore entdecken wir später noch ein „Lost Place“ in Form einer Casa Antiqua, einem Uraltlehmhaus aus dem Ende des 19. Jahrhunderts mit deutschen Zeitungsseiten aus dem Jahr 1903 an den Wänden. Francisco hat heute Geburtstag, wir singen ihm ein Ständchen und essen selbstgebackenen Ananaskuchen mit rotem Herzen drauf. Es regnet zum ersten Mal. Andrea sichtet ihre Fotos und Drohnenvideos, Matthias fängt an, den Blogbeitrag zu schreiben.


Am nächsten Tag geht es westlich 250 km wieder hoch auf knapp 3.000 m Höhe auf einer wunderschönen Strecke durch gottverlassene Gegenden nach Tupiza, einer Bergarbeiterstadt mit vielen TukTuks inmitten einer roten Berglandschaft. Wie durch ein Wunder sehen wir gerade noch rechtzeitig zwei Kondore, die die vorhandene Thermik nutzend aus einer Schlucht emporsteigen, ohne ein einziges Mal mit ihren Flügeln von über 3 Meter Spannweite zu schlagen. Unterwegs sehen wir jede Menge Esel, Pferde, Rinder und zart-scheue Vicuñas sowie einen Andenfuchs. An diesem Tag erklimmen wir schnell eine Höhe von über 4.000 m auf einer recht heftigen Schotterstraße, um dann später echte, blendend sandhelle Dünen und unsere erste runde Lagune in Augenschein zu nehmen.

Am kommenden Morgen um 8.00 Uhr steht unser 7-Tage-Abenteuerauto pünktlich vor der Hoteltür - bereit zum Einladen und Einsteigen. Es ist ein bordeauxroter alter, leicht zerbeulter  Landcruiser von Toyota mit sechs Zylindern, doppelten Stoßdämpfern, Dachaufbau und ultradickem Profil an den Reifen. Es begrüßen uns der Fahrer Valerio und unsere Tourköchin Martha, die für unser leibliches Wohl tagsüber in den nächsten Tagen sorgen wird. Der Wagen ist proppevoll mit unserem Gepäck, Fotoausrüstung, Essen und Trinken, Ersatzrad, fünf Leuten (drei Sitzreihen), Wagenheber und noch viel mehr. Der Landcruiser fährt butterweich wie auf Watte über die größten Schlaglöcher, Steine und Straßenunebenheiten. Ein unglaubliches Gefährt, das bis zu 25 Liter Benzin pro 100 km schluckt wie wir erfahren.


Das Abenteuer beginnt. Kaum aus der Stadt heraus, gibt es nur noch Schotterstraße. Übrigens völlig normal in Bolivien. Hier in den weiten Bergregionen oftmals Hauptverbindungswege zwischen größeren Orten. Valerio biegt ab in Richtung Torre Huayco. Das ist ein Tal umsäumt von bröckeligem, aber doch irgendwie festem Gestein, das riesige Felstürme, -türmchen und -nadeln unterschiedlichster Form in Millionen von Jahren hervorgebracht hat. Welch ein überwältigender Anblick! Weiter geht es auf einer atemberaubenden und staubigen  Schotterstraße ohne Leitplanken auf und ab zwischen Bergen, Hügeln, Tälern und Canyons der Cordillera Los Lipez. Manchmal klammern wir uns an den Autolehnen fest, denn rechts oder links geht es kaum 30 cm vom Wagenrand entfernt steil in die Tiefe. Bolivianische Musik von Valerios USB-Stick soll uns etwas ablenken und beruhigen. Nach einiger Weile gewöhnen wir uns an den Fahrstil und die teilweise sehr unsicher aussehende Staubpiste. Unsere bislang höchste Höhe erreichen wir gegen Mittag bei 4.810 m. Martha bereitet uns im Sturmwindschatten eines Felsbrockens das erste selbstgekochte Lunch zu. Es schmeckt prima. Unterwegs sehen wir jede Menge Vicuñas, das sind die hübschesten, aber auch scheuesten Kameloide. Andrea und jetzt auch Christian tun ihr Bestes, sie fotografisch einzufangen. Ein speziell geformter Berg taucht auf. Er wird Nonnentitte (Teta de Monja) genannt. Wir sehen auf dieser unglaublichen Strecke - Straße kann man sie wirklich nicht mehr nennen - den Supervulkan Uturuncu, noch mehr kleinere Lagunen. Viel Wind, wenig Drohne!


Nachmittags erreichen wir dann im Niemandsland ein Minidorf mit Namen Quetena Chico, wo wir übernachten. Abends und nachts wird es sehr empfindlich kalt und wir merken jeden Schritt bei diesen 4.240 m Höhe. Die Luft ist echt dünn hier. Jetzt noch ein wenig Sonnenuntergangsfotografie und dann ins Bett mit besonders vielen, dicken Decken. Dieses Hostal hat eiskaltes Wasser, ist sehr einfach, hat aber ein wenig Solarstrom für Licht. Immerhin!

 

Wir fahren auf halsbrecherischen Pfaden durch das Valle de Dalí zu wunderschönen farbigen kleinen Seen wie der Laguna Hedionda del Sur,  der Laguna Kollpa, der grün-türkisfarbenen Laguna Verde und am Nachmittag der rot leuchtenden Laguna Colorada. Die Spiegelungen der umliegenden 5000er in diesen Lagunen sind atemberaubend. Wir haben Glück, morgens ist es windstill. An einer Lagune sitzen, fliegen, watscheln und fressen gefühlt über 2.000 pinkfarbene Flamingos mit schwarzweißen Flügeln. Wie sie vom Wasser aus starten, muss man einfach gesehen haben..... ! Und diesmal haben sie auch so gut wie keine Angst vor der herannahenden Fotografin mit gezückter Kamera.

 

Auf jeden Fall nicht das Fumarolenfeld Sol de Mañana verpassen! Später dann mitten auf der bergigen Strecke stellt sich uns die weltumspannende Frage: Wer weiß, was Büßereis ist? Wir wussten es nicht. Sieht superkomisch aus, ist aus purem Eis, spitz und wird bis zu fünf Meter hoch. Diese aufragenden bizarren Eisformationen liegen inmitten einer der trockensten Regionen der Erde: Auf den Höhen der bolivianischen und chilenischen Anden. 4.000 m über dem Meeresspiegel ist die Luft so trocken, dass Wind und Sonne den wenigen Schnee schnell beseitigen. Nur diese seltsam verbogenen Säulen aus besonders miteinander verbackenen und gehärtetem Schnee und Eis bleiben dann übrig. Diese Eissäulen sind als Penitentes bekannt - spanisch für die Büßer. Denn ihre Form erinnert an die typischen Kutten und spitzen Hüte von Büßermönchen bei traditionellen katholischen Osterprozessionen. Wie genau dieses Büßereis entsteht, ist nur teilweise geklärt. Die Bewohner der Anden hielten sie für ein Produkt der starken Winde ihrer Region. Doch heute ist klar, dass diese nur teilweise zur Bildung der bizarren Formen beitragen. Auch das Wechselspiel von Luftfeuchtigkeit, Sonne und Temperaturen spielt eine wichtige Rolle. In der dünnen, trockenen Höhenluft schmilzt der Schnee oft nicht, sondern geht direkt in den gasförmigen Zustand über. Dadurch bilden sich in der Schneeoberfläche nach und nach immer tiefer werdende Senken und Gruben. Innerhalb dieser Gruben ist die Luft feuchter als außerhalb der Schneefläche, so dass dort das Eis doch anschmelzen und in der kalten Nacht wieder gefrieren kann - ähnlich wie bei der Harschbildung in den Alpen. Dadurch entstehen schmale Bereiche mit festerem Schnee, die Wind und Sonne länger standhalten und so als Säulen stehenbleiben, auch wenn der Restschnee verschwunden ist.


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